Archiv der Kategorie: literatur

literatur, belletristik

Wald als „Horrorgeschichte der Menschheit“

Der Wald kommt in allen Geschichten vor, die dich nachts nicht schlafen lassen. Der Wald ist die Horrorgeschichte der Menschheit.

Dr. Who: Ruf der Wildnis / In the forest of the night (Episode 273)

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Ich liebte den Wald

Ich liebte den Wald, die Wiese, die Blumen ebenso sehr wie das Lesen, und wenn man mir die Natur durch das Lernen verständlich gemacht hätte, hätte ich sicher daraus ebenso viele Eingebungen geschöpft wie aus der Welt der Fiktion.

Malwida von Meysenbug: Memoiren einer Idealistin (1876)

Ein Stück Rinde, eine Blume, einen Fels

Ein Stück Rinde, eine Blume, einen Fels kann ich ertasten, geistig begreifen. Der Wald ist mir etwas Greif- und Begreifbares. Zwar ändert er auch jedes Jahr sein Gesicht, ob unter den Händen des Forstmannes, durch Naturereignisse oder durch sein Wachstum, das langsam menschliche Generationen überdauert. Aus Kulturen werden Dickungen, Stangenhölzer, Baumhölzer, die nach ihrer Umtriebszeit wieder den Platz der Jugend räumen müssen. Das ist das ewige Werden und Vergehen. Die Berge sind mir greif- und begreifbar in ihrer Entstehung vor Urzeiten, mit dem Wissen, dass sie irgendwann durch Verwitterung und Erosionen verschwinden werden.

Aus: Gerhard Berger: Gedanken im Herbst: Ein Harzer Forstmann und Jäger erinnert sich. Schmidt-Verlag 2013

Der Thoreau von heute

Ein heller Blitz zuckt in den Föhrenwald

Erste Tropfen fallen.
Die Blätter der Obstbäume biegen sich.
Torfstaub wirbelt im Moor auf.
Die Birken biegen sich.
Blitze durchzucken den Himmel, durchflammen ihn.
Schrille Knalle ängsten die Tiere.
Wehe euch Bienen, die ihr nicht rechtzeitig heimgekommen seid!
Einige, die im Moore geweidet hatten, trägt der Sturm gegen die Hütte, aber er jagt sie darüber hinaus, und sosehr sie sich auch plagen, sich aus seinen kräftigen Armen zu befreien, sich zum Korbe zu retten – es gelingt ihnen nicht. Er wirft sie auf die Erde, ins Gras, in den Saatacker, in die Gräben, in den Moorbach.
Ein heller Blitz zuckt in den Föhrenwald vor dem Dorfe. Ein Knall, vor dem die Erde zittert, Feuer loht zum Himmel.
Eine Föhre brennt, und die Flammen bedrohen ihre Nachbarinnen.
Aber knapp nach dem zündenden Blitze fällt schwerer Regen, und das Feuer verlischt.
O die armen Bienen, die das Heim nicht mehr erreicht hatten! Was wird mit ihnen geschehen?

Aus: Georg Rendl: Der Bienenroman. Leipzig: Insel-Verlag 1931

Knarren windgebeugter Äste. Die Geräusche des Waldes

Der Oberst blieb still sitzen und wartete auf den neuen Tag. Zum ersten Male in seinem Leben lernte er die Geräusche des Waldes kennen. Fünfzehn verschiedene Geräusche unterschied er in jener Nacht. Er zählte sie, eines nach dem anderen:

  1. Ab und zu unbestimmtes, dumpfes Grollen, das aus dem Innern der Erde zu kommen schien; es war, als kündigte sich ein Erdbeben an.
  2. Blätterrauschen.
  3. Knarren windgebeugter Äste.
  4. Rascheln trockenen Laubes am Boden.
  5. Geräusch fallender trockener Zweige, Blätter und Tannenzapfen.
  6. Ganz in der Ferne das Rauschen eines Baches oder Stromes.
  7. Geräusch wie von einem großen Vogel, der ab und zu mit lärmendem Flügelschlag auffliegt (vielleicht ein Auerhahn).
  8. Geräusche von Säugetieren (Eichhörnchen, Marder, Füchse oder Hasen), die durch den Wald ziehen.
  9. Klopfen von Insekten, die die Baumstämme anbohren oder auf ihnen entlanglaufen.
  10. In langen Zwischenräumen das Summen einer großen Mücke.
  11. Ein Rascheln, das wahrscheinlich von einer nächtlich herumkriechenden Schlange stammt.
  12. Der Ruf einer Eule.
  13. Das leise Lied der Grillen.
  14. In der Ferne Geheul und Klagen eines unbekannten Tieres, das wahrscheinlich von Eulen oder Wölfen angegriffen wird.
  15. Ganz und gar geheimnisvolle Quiek- und Kreischlaute.

Aber zwei- oder dreimal in jener Nacht wurde es auch ganz still; das feierliche Schweigen der uralten Wälder trat ein, eine Stille, sie sich mit keiner anderen auf der ganzen Welt vergleichen läßt und die nur sehr wenige Menschen je kennen gelernt haben.

buzzati-geheimnis-alten-waldes Quelle: Dino Buzzati: Das Geheimnis des alten Waldes. Roman. Berlin / Wien / Leipzig: Paul Zsolnay Verlag 1948, S. 106-107. Übersetzung aus dem Italienischen von Antonio Luigi Erné

Weitere Ausgaben (Auswahl):

  • Originalausgabe: Il segreto del bosco vecchio (Milano: Fratelli Treves 1935).
  • deutsche Ausgaben in der Übersetzung von Bettina Kienlechner: Thienemann 1986; Weitbrecht 1997; Fischer Taschenbuch 1989 / 1999
  • weitere italienische Ausgaben: Garzanti 1961 / 1970 / 1977 (in einem Band mit „Bàrnabo delle montagne“); Mondadori 1993 / 2002

Katharina Franck: Holz

 

Zwischen Forstwirtschaft und Spiritualität

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Ich habe gestern den Krimi „Da draußen im Wald“ von Ernest Zederbauer fertiggelesen. Der Inhalt: „Der Förster ist tot! Erschossen mit einer Schrotflinte, aufgefunden im Nonnenloch im Finsteren Graben. Im Waldviertler Dorf schlagen die Neuigkeiten hohe Wellen, vermeintliche Verdächtige sind schnell gefunden. Dorfpolizist Raffl und Kripo-Kollege Ebert haben alle Hände voll zu tun und warten auf einen entscheidenden Tipp aus der Bevölkerung. Währenddessen keimt in der jungen Witwe ein verhängnisvoller Verdacht und die perfekte Fassade ihres bisherigen Lebens beginnt zu bröckeln“. Mir hat das Buch recht gut gefallen, das Lokalkolorit ist durchaus geglückt (Regionalkrimis sind ja anscheinend sehr en vogue im Moment), und wie oft liest man schon einen Krimi, in dem die Wörter „Forstadjunkt“, „Holzlagerplatz“ und „Forstverwaltung“ vorkommen? 😉

In dem Buch gibt es eine wunderbare Stelle, die die verschiedenen Sichtweisen auf den Wald besonders gut zusammenfasst: Es sind Gedanken, die der Frau des Försters durch den Kopf gehen, als ihr Mann nicht wie erwartet nach Hause kommt:

Für ihn war der Wald eine Arbeitsstätte, die er zu verwalten, zu hegen und zu pflegen hatte. In der es um die Holzwirtschaft ging, um Schlägerung und Aufforstung, um Windbruch und Käferbäume, um die Anlage von Fahrwegen und die Lagerung sowie den Abtransport der Stämme. Dafür war er verantwortlich, seinem Arbeitgeber, der Herrschaft, Rechenschaft schuldig. (…) Für sie war der Wald Ausdruck ihrer Spiritualität, die auf der Verehrung der Natur und ihrem Verständnis dafür, in Einklang mit ihren Zyklen und Bedürfnissen zu leben, beruhte. Für sie war ein Baum ein lebendes Wesen, Teil einer allumfassenden Harmonie und nichts, das man in Festmetern, Gewinn und Verlust berechnete. Sie sah in der Natur einen wesentlichen Bestandteil ihrer Seelenebene, die sie mit all ihren Sinnen wahrnahm.

Quelle: Ernest Zederbauer: Da draußen im Wald. Ein Waldviertel-Krimi. Styria 2014, S. 10

Von dem ersten Schlag und Streich…

Sinnspruch im Museumsdorf Krumbach

Von dem ersten Schlag und Streich… gestickter Sinnspruch im Museumsdorf Krumbach. Heute beim „Tag des Denkmals“ photographiert.

Wald, Hochwald, Holzfällen

Ende Juli war ich bei einer beeindruckenden Veranstaltung in Ohlsdorf bei Gmunden: Im Rahmen der Salzkammergut-Festwochen las der von mir sehr verehrte Johannes Silberschneider aus Thomas Bernhards „Holzfällen. Eine Erregung„. Zu dem Buch habe ich eine besondere Beziehung, denn in dieser grandiosen Satire auf die Wiener Gesellschaft kommt – mit leicht verändertem Namen – die Schriftstellerin Jeannie Ebner vor, über die ich meine Diplomarbeit schreiben wollte. Ich habe den Roman natürlich gelesen, aber vorgelesen wirkt er doch viel besser. Mir war damals gar nicht aufgefallen, wie unglaublich witzig – auf Bernhards bekannte griesgrämige Art – das Buch ist! Meine Begleiterin und ich haben uns aber gefragt, ob dieses Buch – im Gegensatz zu anderen Bernhard-Texten – nicht sehr schwer zu verstehen und zu schätzen ist, wenn man Wien bzw. Österreich nicht kennt.

In dem 1984 erschienenen Buch kommen keine Holzfäller oder Försterinnen vor, wie der Titel vielleicht vermuten ließe. Aber in einer sehr eindrucksvollen Szene am Ende werden „Wald, Hochwald, Holzfällen“ als anstrebenswerter Gegenentwurf zur künstlerischen „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ (so würde man heute wohl sagen) genannt. Lesetipp!

Publikum bei einer Lesung in Ohlsdorf

Ein Blick in den Veranstaltungsstadel im Thomas-Bernhard-Haus Ohlsdorf. Vor Beginn der Lesung wurde ein Bild von Joana Thul, einer guten Freundin Bernhards und wesentlicher Figur im Roman, gezeigt. – Monika Bargmann, CC-BY